Dr. Christian Schwarz - Landarzt mit Hausapotheke ÖÄK-Fortbildungsdiplom - Sachverständiger für Führerscheinfragen Referatsleiter für IT und Telemedizin der Nö Ärztekammer

A-3281 Oberndorf a.d. Melk,  Birkenweg 10, Tel 07483-335

Thema - August 2013
350 Ärzte in Korruptionsverdacht wegen Weitergabe von (anonymisierten(?)) Patientendaten 

 

Vor mehr als 1 Jahr, nach Erhalt eines "Angebotes" seitens meiner Arzt-Softwarefirma, Patientendaten an "mein" Softwarehaus weiterzuleiten, wurde mein damaliges Ärgernis in diesen Tagen plötzlich hochaktuell aufs Tapet gebracht. Warum erst jetzt? Lesen Sie meine Aussagen vom Mai 2012: 

..... fand ich in meiner Tagespost ein Schreiben meines Arztsoftwarehauses vor, in welchem ich, bedingt durch eine Kooperation der Firma Compugroup mit IMS Health GmbH, von einer „Zuverdienstmöglichkeit“ in Kenntnis gesetzt wurde, für die Übermittlung von Patienten- und Verschreibungsdaten aus meiner Ordinationsoftware heraus ein „Honorar“ von 432,- € erhalten zu können. Natürlich sollten diese Daten – ohne wirklichen Aufwand meinerseits automatisiert und durch meine Arztsoftware anonymisiert - weitergeleitet werden, ich bräuchte nur mein prinzipielles Einverständnis erteilen, monatlich eine Zustimmungserklärung bestätigen – und schon habe ich 432,- € Umsatz gemacht….. Nach einer kurzen, wohl aus der Ungläubigkeit über so ein „Angebot“ heraus entstandenen Nachdenkpause, begann sich echtes Entsetzen breitzumachen und ich habe mir eine Unzahl von Fragen gestellt:
• Kann es wirklich Ärzte und Ärztinnen geben, die für 432 € das wohl wichtigste Gut, das Arztgeheimnis und die Datensätze unserer Patienten, die uns Hausärzten noch als Pfand gegenüber einer schon jetzt nur mehr teilweise in den Startlöchern scharrenden profitorientierten Heuschreckenkonzern – Gesundheitsindustrie geblieben ist, um einen Bettel zu verkaufen?
• Ist so ein – von mir nur als unmoralisch zu bezeichnendes Angebot – nicht gleichsam ein Opfern unserer ärztlichen ethischen Identität auf dem Altar eines Profitgedankens?
• Darf denn ein Arzt oder eine Ärztin ohne Wissen des Patienten selbst solche Daten, deren Verschlüsselungsqualität von uns gar nicht nachprüfbar ist, überhaupt weitergeben?
• Selbst bei Zustimmung des Patienten, wer garantiert denn dafür, dass nicht mit EDV-Unterstützung den pseudoanonymisierten Daten das „pseudo“ wieder entfernt wird und plötzlich Interessierte aus dem Bereich Versicherungswirtschaft, Gesundheitsindustrie, Pharmabranche etc. plötzlich mit Echtdaten von Einzelpersonen agieren könnten?
• Welche pekuniären Vorteile hat denn der Arztsoftwareanbieter aus diesem „Deal“?

• Wie tief ist die Achtung vor einer moralischen Instanz wie uns Ärztinnen und Ärzten gesunken, dass man es uns zutraut, dass wir bereit sind auf solche „Angebote“ auch einzugehen? Oder ist es nur eine Schutzbehauptung, die seitens Compugroup zu hören ist, dass „reges Interesse der Ärzteschaft“ besteht? Je länger ich über meinen gewählten Begriff „Entsetzen“ über das Angebot nachdenke, desto mehr komme ich zum Schluss, dass dieses Wort nicht annähernd zu beschreiben vermag, was ich in mir drinnen fühle. Ich schwanke zwischen „unglaublicher Ohnmacht“, „verabscheuungswürdiger Ignoranz“ und „bodenloser Frechheit“ – und kann mich letzten Endes doch des Eindrucks nicht erwehren, dass hinter dieser Sache wohl das Kalkül stecken muss, dass eine erkleckliche Zahl von uns Ärzten diesem Angebot nicht widerstehen wird. Denn wer täglich zu hören bekommt, dass automatisationsunterstützte Dokumentation, evidenzbasierte Strategien, wissenschaftlich belegte Kriterien und abrechnungsrelevante Begründungsformulierung die alleinigen Kriterien einer „guten Medizin“ sind, wird sich wohl wegen ein paar pseudoanomysierter, ohne wirklichen Aufwand durch meine Arztsoftware eingesammelter Daten, womöglich noch mit dem Attribut „wissenschaftlich ausgewertete Studiendaten aus der Kassen-Allgemeinpraxis von Dr. Soundso“ verbrämt, einem Bruttohonorar von 36,- pro Monat(!) doch nicht verwehren wollen. Was neue Fragen in mir erweckt:
• Ist Ärztliches Handeln denn nicht mehr wert?
• Ist die geistige Arbeit einer Diagnosefindung durch Hände, Wissen, Erfahrung und der damit verbundenen Hilfsmittel (z.B. Labor, Röntgen, etc.), anschließend durch vernetztes ganzheitliches Denken und einem Stellen individueller Behandlungspläne, dem profitorientierten Auswerten durch eine „Health Industry“ in der Bedeutung etwa unterlegen?
• Sind nicht länger zwischenmenschliche Ebenen, empathische Patient-Arzt-Kontakte, personalisierte Primärversorgung, das Be-greifen und das Be-handeln in ihrer Gesamtheit als Kern ärztlichen Denkens gefragt?
• Was beabsichtigt eine „IMS Health GmbH“ mit erhaltenen Daten zu tun? Doch wohl „Geld zu lukrieren“. Von wem? Meine Entscheidung habe ich jedenfalls getroffen: Für mich ist der Fortbestand eines in die Heilkunst gesetzten Vertrauens, das ein Patient durch seinen persönlichen Arztbesuch zeigt, von unschätzbarem Wert und mein berufliches Credo. Dieses Vertrauen werde ich nicht „zu Geld machen“. Leider macht es die Gesundheitspolitik solchen „Datengrabbern“ leicht, Ärzten, die Tag für Tag trotz unglaublicher struktureller Defizite und unter enormem Druck menschennah die Primärversorgung gewährleisten, über solche „Angebote“ zumindest nachdenken zu müssen. Für mich sind die aus unserer ärztlichen Tätigkeit erhebbaren Erkenntnisse aber ungleich mehr wert. Aus unseren Daten könnte man - unter Zuhilfenahme wissenschaftlicher universitärer Unterstützung – Ergebnisse erzielen, die verbindlich dem Nutzen der gesamten Gesellschaft zuzuführen sind und nichts mit Gewinnmaximierung von Healthcare - Unternehmen zu tun haben sollten…

 

zu hinterfragen ist aus meiner Sicht aber auch Anderes:
1. wie kann es möglich sein, dass aus meiner Arztsoftware - auch wenn mit meiner (natürlich nicht existenten) "Erlaubnis" - von mir unbemerkt und unbeeinflusst - Daten abgesaugt werden könnten. Hallo!!!???
2. Wie kann eine Arztsoftwarefirma so ein "Angebot" den - quasi gefesselten, weil nicht wirklich freien Ärzten, was die Anwenderarztsoftware betrifft - so ein Angebot stellen, ohne dabei von vornherein rechtliche Probleme zu haben (in meinem Nichtjuristendeutsch meine ich: Verleitung zu einer strafbaren Handlung)
3. Wieso wird seitens einer Österreichischen Ärztekammer so ein Vorgehen nicht sofort(!) aufs Tapet gebracht und an den Pranger gestellt, wieso werden die (hoffentlich) betroffen Ärzte nach mehr als einem Jahr von den Medien vorgeführt?
4. macht nicht letzten Ende ELGA genau dasselbe, was hier eine Privatfirma getan hat?
5. wurde bislang nur deswegen über die Fa. IMS Health nichts berichtet, weil eben ELGA genaudasselbe (mit gesetzlicher Rückendeckung) plant?